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Lesebericht: David Graeber, Bürokratie. Die Utopie der Regeln

29. Februar 2016 von Heiner Wittmann

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Ein Buch über die Bürokratie? Will ich mich noch mehr über den lästigen Papierkram ärgern? Steuererklärung? Oder damals die Anmeldung zu den Examina… was für eine Papierflut! Oder heute. Der Gang aufs Amt. Immer müssen Regeln eingehalten werden. Die Dame am Schalter sagte mir um 8 Uhr, haben Sie eine Nummer gezogen? Weit und breit war noch kein weiterer Mitbürger zu sehen. Draußen auf dem Gang habe ich dann brav eine Nummer gezogen. Bing-Bong machte es, und über der Tür leuchtete 001 auf, nun war der Amtsschimmel munter, und ich durfte eintreten und mein Anliegen vortragen. Bürokratie wird landläufig mit Umständlichkeit, ja sogar mit Schikanen gleichgesetzte, warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Meine Aufenthaltsgenehmigung in Paris bekam ich nur mit Studentenausweis… und den Studentenausweis bekomme ich nur mit der Aufenthaltsgenehmigung… als ich wütend zum Büro für die Aufenthaltsgenehmigung zurückeilte, lächelte die Schalterdame und sagte, wir hätten da eine „Vorläufige Aufenthaltsgenehmigung“ für sie… dann kommen Sie mit den Studentenausweis wieder.

David Graeber hat die Bürokratie und ihre Geschichte als Sozial-Anthropologe oder als Sozialtheoretiker (S. 230) durchleuchtet. Das Ergebnis ist eine spannende Darstellung einer drögen Materie. Man muss nur genau hinschauen und mit den Mitteln der Soziologie zu einer präzisen Analyse schreiten. Jeder wird die Ergebnisse Graebers mit seinen eigenen leidvollen Erfahrungen im Dschungel der Bürokratie vergleichen und sich an Erlebnisse erinnern, die ihm das Leben schwer gemacht haben, oder gar an die Unzulänglichkeiten des eigenen Bürolebens denken. Komisch, kaum jemand jubelt bei dem Gedanken, wieder ins Büro, auf das Amt zu gehen, und doch entkommt niemand der Bürokratie.

In der Einführung erläutert Graeber „Das Eherne Gesetz der Liberalisierung und die Ära der totalen Bürokratisierung“, dann folgen drei Kapitel, zuerst über die „strukturelle Dummheit“, dann über die Technologie und dann über Rationalität und Wert.

„Totale Bürokratisierung“ bedeutet für Graeber das „allmähliche Verschmelzen von öffentlicher und privater Macht“, vielleicht gilt das auch für den Fahrkartenkauf. Zu den Zeiten als ich Fahrschüler war, jeden Morgen mit dem Zug von Klingenstein um 7 h 10 nach Ulm, hatte ich eine braune Monatsfahrkarte, die kaufte man vor dem Monatsersten als braune Pappkärtchen am Schalter, zeigte sie im Zug vor und gut wars. Heute ist das Online-Kaufen nur mit guten PC-Kenntnissen zu bewältigen und der Schaffner kontrolliert, leuchtet die Fahrkarte an, scannt die Bahncard, und locht, nein drückt einen Stempel auf das DinA4 Blatt, so dass die Bahn auf Knopfdruck immer weiß, wo und wann wir wie lange entlanggefahren sind. Der Zweck ist nicht nur der Service für uns, sondern im Endeffekt maximale Gewinnabschöpfung aufgrund der Kenntnis vieler persönlicher Daten, ohne deren Herausgabe wir nicht einsteigen dürften.

Die Bürokratisierung als „kulturelle Transformation“ (S. 28):, die „nahezu alle Aspekte des Alltagsleben manipulieren.“ Um es kurz zu machen, dabei fällt mir dieser Titel von Klett-Cotta ein: > Wolf Wagner, Tatort Universität – Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung. Mit was für einer nahezu perfekten Effizienz hat man den Hochschullehrern ein Übermaß von Verwaltungskram aufgebürdet! Statt Forschung und Lehre mit großem Einsatz zu fördern, wurden Evaluationen, Lehrpläne, immer neue Prüfungsordnungen, Exzellenzinitiativen aller Art, eine Inflation aller möglichen Fächer, die den Blick aufs Ganze systematisch verhindern, hervorgebracht von einer ins Maßlose ausgeuferten Bürokratie.

Graebers Stärke liegt darin, Sachverhalte aufzudecken, für die uns im wahrsten Sinne des Wortes die Worte fehlen. Der Kern des „bürokratischen Systems“ ist eine „Kultur der Komplizenschaft“ (S. 34) Ob die Leute bereit seien, ihre Verstöße gegen das System zu vertuschen? Daran werde ihre Loyalität gemessen. Es entsteht eine Doppelmoral, die, so Graeber für alle Arten bürokratischer Systeme“ typisch sei. Je mehr „Markt“ oder Wachstum, um so höher die Zahl der Bürokraten (S. 41) Das stimmt wohl, denn alle Versprechen, Bürokratie abzubauen, funktionieren nicht, weil immer erst eine vielköpfige Arbeitsgruppe berufen wird, die die Bürokratie durchleuchten soll, und die man hinterher nicht wieder los wird, die dann zu einer eigenen Abteilung mutiert und sich selbst natürlich nicht abschaffen wird…

Mit der PC-Technik dachte man, es würden Arbeitsplätze wegfallen. Vielleicht ist der PC das größte Arbeitsbeschaffungsprogramm, das es weltweit je gegeben hat – abgesehen von den 21 T km der chinesischen Mauer. Und Graeber: „Diese Computerschöpfung – diese Welt, in der wir heute leben – beruht auf einer Illusion.“ (S. 43) Unsere neue Welt als ein Kind der Computertechnik? Graeber widerspricht vehement, (vgl. S. 44) „Welche allgemeine Richtung die Technologie einschlägt, hängt von sozialen Faktoren ab.“ Er macht eher die Entwicklung des Finanzwesens dafür verantwortlich. Aber es gibt eine Folge der PC-Technik, die unser ganzes Leben durchdrungen hat: Bewertungen, Beurteilungen jeder Art (vgl. S. 53 ff) aufgrund unserer persönlichen Daten, mit denen wir jeden Tag unseren PC und damit das Internet füttern. Kaum eine Firma, die sich nicht der Kniffs der Internet-Werbung bedient. Kaum haben wir ein Produkt in ihrem Online-Shop angesehen, taucht die Werbung für genau dieses Produkt auf ganz anderen Websites für uns ganz persönlich auf. Internet-Stalking ist das. Oder die Online-Shops, die uns freundlich um eine Bewertung ihres Angebots bitten. Eigentlich müssten sie uns gleich 50 Euro überweisen, soviel sparen die bestimmt an umständlicher Marktforschung auf unsere Kosten und Zeit.

> David Graeber am 25. Mai 2012 auf Lesereise ein Köln

Wunderbar, das Kapitel über „strukturelle Dummheit“. Bürokraten würden nie Unzulänglichkeiten zugeben, brandmarken aber unsere Unfähigkeit, die Formulare richtig, geduldig und vollständig auszufüllen, (vgl. S. 61) das ist nicht anderes als „strukturelle Gewalt“ (S. 71). Folglich ist es einleuchtend, wenn Graeber etwas weiter sein Buch als „eine Übung in Gesellschaftstheorie“ (S. 93 ) bezeichnet: „Strukturelle Gewalt bringt einseitige Strukturen der Imagination hervor:“ (S. 100) Die unteren Chargen müssen viel Imagination aufwenden, um das System zu verstehen und sich anzupassen, die oberen Chargen brauchen darüber überhaupt nicht nachzudenken. (vgl. ebd.) Graeber folgert daraus, das Bürokratien Dummheit organisieren, für ihn repräsentiert die bürokratische Autorität alleine durch ihre Natur einen Krieg gegen die menschliche Phantasie. Bien dit. Auch der Klügste wird von der Bürokratie als dummer Hansel vorgeführt. (vgl. S. 117) „Mechanismen der Entfremdung“ nennt Graeber alle Räume, wo Bürokratie sich abspielt, Fernseher und Wahlkabinen und Krankenhäuser gehören dazu (vgl. S. 122)

Und Graeber gelingt es, unser Bewusstsein für größere Zusammenhänge zu schärfen, in denen die Bürokratie sich befindet. Zum Beispiel soziale Netzwerke, die durch die PC-Technik und dann durch das Internet erst möglich wurden, vielen Kontakte ermöglichen und einige wenige steinreich werden lassen, weil sie ein sehr gefräßiges System für Daten entwickelt haben. Einige wenige Daten, die sich um eine Meldung ranken, sind immer offen, aber das sind nur Teile der Daten, die der Seitenbetreiber automatisch ausliest, um unser Verhalten vorauszuberechnen, um dann uns die perfekte Werbebotschaft zu präsentieren:

Die Kritik an der Technologie im 2. Kapitel erinnert daran, dass die post-industrielle Zivilisation einer Riesen-Täuschung erlegen ist. Nach der Mondlandung waren die USA ausgepowert. (vgl. S. 156) Und heute gibt es auch bei uns nur eine Verwaltung der Politik aber keine Visionen mehr, weil sich in den 60er Jahren schon der technologische Fortschritt zu verlangsamen begann. Ob das Internet ein Quantensprung in der Technik ist? Oder auch nur eine Illusion? müsste man Graeber fragen und mit ihm über das große nichtsnutze Spiel der kollektiven Intelligenz zu sprechen. Ob er einverstanden wäre, von einer „kollektiven Verdummung“ zu sprechen? Kreativität wird dauernd vorgespiegelt und doch treten alle Teilnehmer nur ein Hamsterdatenrad und herauskommt Wikipedia mit seinen unglaublichen Fehlern und der Autorität anonymer Korrektoren, die ihr Wissen als Maßstab der Welt zur Verfügung stellen. Bürokratie erstickt Visionen und Kreativität, schreibt er. Stimmt. Und es kommt noch schlimmer: Der PC nimmt uns Arbeit ab und bürdet uns Frust, Verzweiflung, Angst vor Datenverlust – und klau bis hin zum Diebstahl unserer Identität auf.

Mein PC bleibt meine „poetische Technologie“ und ich verteidige ihn bis heute gegen die bürokratische Technologie mehr schlecht als recht – bis immer wieder Microsoft oder andere >buerokratisierungFirmen wichtige Updates einspielen, obwohl doch auf jedem Produkt eigentlich die Inhaltsstoffe stehen sollten, man aber nie weiß, was deren Bürokratie in unserem PC anrichtet, welche Daten sei für sich auf unserem PC bestellen. Das formuliert Graeber so: „In Wirklichkeit hat es eine eigenartige Umkehrung von Zielen und Mitteln gegeben, bei der Kreativität in den Dienst der Administration gestellt wird und nicht umgekehrt.“ (S. 173). Das ist auch so bei der Bürokratisierung der Suchmaschinen, die nach Regeln arbeiten, die mit dem Inhalt, geschweige denn mit der Qualität der Websites eher nur am Rande etwas zu tun haben, uns aber die Ordnung der Welt vorgaukeln.

Und schließlich gelangt Graeber zur „Bürokratisierung der antibürokratischen Fantasy“. Unsere Leser, die mit der Hobbit-Presse werden hier erstaunliche Parallelen zu ihrer Lektüre entdecken: „Nur böse Menschen unterhalten Verwaltungssysteme.“ (S. 219)

Und Graeber kommt zu der Schlussfolgerung: „Was dem Reiz der Bürokratie letztendlich zugrundeliegt, ist die Angst vor dem Spielen.“ (S. 230)

David Graeber
> Bürokratie
Die Utopie der Regeln
Aus dem Amerikanischen von Hans Freundl und Henning Dedekind (The Utopia of Rules)
1. Aufl. 2016, 329 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94752-6

graeber-schuldenDavid Graeber
> Schulden. Die ersten 5000 Jahre
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer (Orig.: Debt)
1. Aufl. 2012, 536 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94767-0

> Die aktuelle Lektüre: David Graeber, Schulden

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