Nachgefragt: Bernd Stegemann, Die Öffentlichkeit und ihre Feinde

In allen Disziplinen von der Soziologie über die Literatur und Politikwissenschaft bis zur > Stadtarchitektur und -Planung spielt die Öffentlichkeit eine Rolle und wird von ihnen unter verschiedenen Aspekten thematisiert und untersucht. Im Doktorandenkolloquium 1985 von Prof. Hoeges in der Universität Bonn haben wir Richard Sennetts Studie Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Frankfurt/M. 1983, mit dem ungleich so viel besseren englischen Titel The Fall of Public Man gelesen. Wir zitieren hier die Studie von Sennett, weil dadurch der Ansatz der Untersuchung von Bernd Stegemann, > Die Öffentlichkeit und ihre Feinde, die gerade bei Klett-Cotta erschienen ist, noch augenfälliger wird. Beklagte Sennett völlig zu Recht die „Ideologie der Intimität“, so analysiert Stegemann die heutigen Mechanismen der Zerstörung der Öffentlichkeit mit der Einschränkung der Meinungsfreiheit anhand vieler Beispiele…. Stegemann bestätigt die pessimistischen Befunde und düsteren Prognosen Sennetts. Während Sennett eine historische Perspektive wählte, konzentriert sich Stegemann auf die Gegenwart und ermittelt viele Angriffe von mehreren Seiten auf die Öffentlichkeit. ….“ so begann unser  > Lesebericht: Bernd Stegemann, Die Öffentlichkeit und ihre Feinde.

Gestern, am 16.3. kam Bernd Stegemann in unser Homeoffice und unsere Redaktion konnte mit ihm gemäß unseres Blogprinzips ein Gespräch fhren, dass hier unter dem Titel „Nachgefragt…“ gezeigt wird:

Bernd Stegemann studierte Philosophie und Germanistik an der FU Berlin und der Universität Hamburg sowie Schauspieltheater-Regie an der Hamburger Theaterakademie. Seit 1999 arbeitet er als Dramaturg/Chefdramaturg am Frankfurter TAT, am Deutschen Theater Berlin und an der Schaubühne am Lehniner Platz. Seit 2017 ist er Dramaturg am Berliner Ensemble und seit 2005 Professor für Theatergeschichte und Dramaturgie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«.

Wie steht es heute um die Öffentlichkeit im Anthropozän?  Die Regelung des Klimas gelingt unter den aktuellen neoliberalen Bedingungen nicht. Das Wissen hätte der Mensch, aber deren Nutzung scheitert, weil er die Mechanismen dazu nicht bedienen kann, eben weil die Steuerung durch die Öffentlichkeit misslingt. Ist das zu verkürzt ausgedrückt?

Die Identitätspolitik („… die hässliche Schwester des Populismus“, S. 229 ist ihre Zielscheibe  „…diese Identitätskonstruktionen dienen nicht nur der Emanzipation von Diskriminierung, sondern sie werden auch immer noch für die Erfindung neuer Abwertungen genutzt.“ schreiben Sie, ist das der Ursprung des Kulturkampfes, den wir erleben?

Sie nehmen auch „Cancel Culture“ ins Visier, aber auch „Wokeness“, S.132, und auch die sozialen Medien und die Intimkommunikation, S. 182 ff. wie „Sprachkorrekturen  moralische Reinheit“, deren Mechanismen sie im einzelnen und mit Beispielen erläutern. Inwieweit zielen diese Angriffe auf die Öffentlichkeit / auf das Funktionieren der Öffentlichkeit?

In Ihrem Buch wird das Verfahren auf den Punkt gebracht: „Sensibilisieren, Aggression, Vernichten…“

Was ist das genau die Identitätspolitik? Sie nimmt die Identitäten der Menschen in den Blick und geht den Weg über die „unfragliche Gruppenzugehörigkeit“,  daraus entsteht (eine ohnehin vorhandenes) Machtgefühl, das andere Gruppen abwertet.

Die Verbindung dieser Angriffe sie   „verstärken sich gegenseitig und führen zu dem Waffenarsenal, mit dem Kommunikation unter Feinden geführt wird.“ (S. 197)  Inwieweit ist die Kritik an Wolfgang Thierse dafür auch ein Beispiel?

Und im dritten Teil zeigen Sie, was anhand der Diskussion um die Klimadebatte, was alles in der Öffentlichkeit mit welchen Folgen falsch läuft. Die Öffentlichkeit als soziales Gebilde ist in Gefahr: „Zum einen wächst das Misstrauen gegenüber den Methoden einer komplexen Gesellschaft. Die politischen Rufe nach einfachen Lösungen, die schnelle und radikale Änderungen versprechen, werden immer lauter.“ (S. 22)  Das klingt nach Populismus und rechstextremen Gruppierungen…

Man findet noch viel mehr bei Ihnen Die offene Gesellschaft, so warnen Sie, sei in Gefahr, da sie diese Offenheit für Themen und Widersprüche nicht aufrechterhalten kann, wenn gerade diese Mechanismen, die die offene Diskussion gewährleisten sollen, angegriffen werden: vgl. S. 34.

Die Folge ist die Unterdrückung von Themen oder deren einseitige Besetzung, so dass eine freie Meinungsbildung nicht mehr möglich ist : vgl. S. 39 f. Sie bieten nach ihren Analysen verschiedene Erklärungen für den Niedergang der Öffentlichkeit an. Eine davon ist die Beobachtung, wie in Gesellschaften, „die die Widersprüche aus der Öffentlichkeit verbannen wollen, die ihre Kommunikation einschränken und die Ergebnisse vorwegnehmen, … sich selbst der Qualität einer offenen Öffentlichkeit“ berauben, S.65. könnten Sie das erläutern?

Diese Beobachtung deutet auf den Niedergang der Deliberation: S. 67. Sie meinen, dass mit dem Internet die Grenzen zwischen privat und öffentlich verschwimmen (vgl. S. 67) mit unheilvollen Folgen für die Öffentlichkeit. Gerade bei den sozialen Medien wird einzelnen Stimmen zu viel Aufmerksamkeit gezollt. Ein Kekshersteller muss seine 60 Jahre alte Afrika-Packung umbenennen, weil eine einzelne Stimme einen Shitstorm auslösen. (vgl. S. 189)

Grundlegende Mechanismen der Wissenschaft wie die Falsifizierbarkeit von Wahrheiten oder Aussagen im Dialog mit der Politik seien im Niedergang, weil die Politik „absolute wissenschaftliche Wahrheit“ für sich reklamiert (S. 262) – es die Vermischung dieser Aufgabenfelder, die am Gefüge der Öffentlichkeit wackelt: Wahrheiten werden zu Waffen der Öffentlichkeit (S. 263).

Die Folge ist eine Blockierung der Öffentlichkeit, die nur durch eine neue Form der Kommunikation, in dem nicht mehr Freunde und Feinde, sondern Gesprächspartner auftreten: „Was es braucht, um sich der Ökologie zu nähern, ist Demut.“ (S. 288)

Bernd Stegemann
> Die Öffentlichkeit und ihre Feinde
1. Aufl. 2021, 384 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98419-4

1. Stadtplanung und soziale Netzwerke im Web 2.0 (I) – 25. November 2007 von H. Wittmann