Lesebericht: Stefan Bollmann, Der Atem der Welt. Johann Wolfgang Goethe und die Erfahrung der Natur

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Ziemlich lang aber genauso gut und nicht minder spannend. Ein echter großer Wurf, wie man so schön sagt, ist Stefan Bollmann mit > Der Atem der Welt gelungen. Der Untertitel Johann Wolfgang Goethe und die Erfahrung der Natur stellt diese Biographie in ein besonderes Licht, mit dem wir oder der Leser noch einen weiteren Winkel ausleuchten müssen. Wie auf Twitter bereits gesagt, Faust kommt erst auf S. 404 vor, dafür aber dann aber umso ausführlicher im 23. Kapitel. So wird deutlich, der Dichter Goethe ist ohne den Juristen, Geheimen Rat und vor allem ohne den Naturforscher Goethe nicht zu haben. Das ist die eigentliche Botschaft von Stefan Bollmann und sie setzt Faust I/II wirklich in ein ganz neues Licht.


Stefan Bollmann, geboren 1958, Bestsellerautor einer gegen den Strich gebürsteten Goethe- Biographie sowie weiterer Bücher zur Geschichte des Lesens und der Alternativkulturen, promovierte nach einem Studium der Literatur, Geschichte und Philosophie über Thomas Mann. Seine Bücher wurden in 16 Sprachen übersetzt und verkauften sich weltweit annähernd eine halbe Million Mal.


Bollmann stellt uns einen ganz anderen Goethe vor, weniger den Autor von Wilhelm Meisters Lehrjahre, des Werther oder des Faust als vielmehr den Naturforscher, den Autor der Farbenlehre, der in den Diensten des Weimarer Regenten Carl-August steht, den er am 11.12.1774 kennenlernt. Goethe selbst glaubte auch, dass seine Arbeiten zur Naturbeobachtung seiner schriftstellerischen Tätigkeiten überlegen gewesen war. Vielleicht ist die strikte Trennung zwischen den Disziplinen auch gar nicht sinnvoll: Vgl. S. 21. Dazu gehört auch Bollmanns Hinweis auf die Dynamik von Goethes Naturverständnis, das Wissen um die kontinuierliche Veränderung – auch des Menschen.

Früher Liebeskummer – sogar in wiederholter Form – führt Goethe in die Natur – das senkt den Stresslevel – und er beginnt zu zeichnen und lernt dabei genau zu beobachten: Goethe ist mit Bildern aufgewachsen.“ (S. 60) Bevor er ins Elsass reist, beobachtet er in Frankfurt in der Dämmerung den bläulichen Schein des Polarlichts, dessen Ursache auch andere Naturforscher zu ergründen suchen.

Zu den vielen, denen Goethe begegnete und mit denen er sich intensiv über Fragen zur Natur, aber auch zur Philosophie und zur Aufklärung austauschte, gehörte auch der aus Riga nach Frankreich gereiste Organist und Schriftsteller Gottfried Herder (1744-1803), den er 1770 in Straßburg trifft, einen Monat bevor er Friederike Brion im nahen Sessenheim kennenlernt.

Es sind die vielen Einflüsse auf Goethe, denen Bollmann nachgeht und so dem Leser erklärt, wie sich Goethes Naturverständnis entwickelt hat. Das Nachdenken über die Natur verknüpfte Goethe auch mit den Fragen nach dem Bewusstsein des Menschen, so im 11. Kapitel, in dem Bollmann über die Begegnung Goethes mit Johann Kaspar Lavater (1774-1801) in Frankfurt berichtet. Spinozas (1632-1677) Schriften lehren Goethe dass „jedes existierende Ding Teil eines Ganzen, das selbst wiederum Teil eines noch größeren ganzen ist, und alles ist im größten anzunehmenden ganzen, Gott oder der Natur (deus sive natura) enthalten.“ (S. 173) (der Autor dieser Zeilen denkt dabei an das „universel singulier von Sartre) Hinzukommen die Bemerkungen über die Handlungsmacht, die Goethe bei Spinoza findet: vgl. ib.

Nicht nur die Lektüre der Autoren wie Spinoza u. v. a. auch die Reisen, wie die 1775 in die Schweiz mit der Bootspartie auf dem Zürichsee und dem Aufstieg mit Passavent in die Berge, haben Goethes Horizont so maßgeblich erweitert. Reisen bedeutet aber auch, das eigene Netzwerk ständig zu erweitern: in Karlsruhe begegnet er wieder Carl-August, der ihn nach Weimar einlädt, wo dieser im September 1775 die Regierung im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach übernehmen wird. Im Juni 1776 wird Goethe von Carl August zum „Geheimen Legationsrat mit Sitz und Stimme im geheimen Consilium“ ernannt. Goethe ist also in Weimar angekommen und bezieht eine Stadtwohnung am Frauenplan und bekommt das Adeldiplom aus Wien:

Goethe wird als hoher Beamter mit vielen verschiedenen Aufgaben betraut. 1780 wird er als Direktor für alle Bergwerksangelegenheiten im Herzogtum, zu denen auch die Wiederinstandsetzung des Ilmenauer Bergbaus gehört. Die Naturerfahrung Goethes wird um die Tiefendimension reicher und Charlotte vom Stein, mit der er einen intensiven Austausch pflegt, liest 1784 in einem Brief von ihm, außer den Steinen habe sie keine Nebenbuhlerin. „Über allen Gipeln ist Ruh,“ hatte er in die Wand des Jagdhäuschens am Kickelhahn eingeritzt und resümiert so seine Einheit mit der Natur.

„Johann Wilhelm Weber aus Darmstadt“ beginnt Ende November 1777 eine Winterreise und gibt auch beim Treffen mit Friedrich Victor Leberecht Plessing (1749-1806) seine wahre Identität nicht preis. Er will sich nicht festlegen lassen, offen bleiben, beobachten und, wie er Charlotte vom Stein versichert die „Selbstigkeit des Menschen“ verstehen: vgl. S.226. Ein Intellektueller, der reist und sich von niemandem vereinnahmen lassen will: „Sie wissen, wie symbolisch mein Daseyn ist,“ schreibt er an Charlotte von Stein: S. 228.

Es ist einfach grandios, wie gut es Stefan Bollmann mit diesem Buch gelungen ist, Goethes Lektüren, eine Begegnung mit so vielen Forschern und Autoren seiner Zeit nachzuzeichnen, um herzuleiten, wer was und wieviel zu seinem Naturverständnis beigetragen hat und was Goethe daraus gemacht hat. Unter diesem Gesichtspunkt, geht die Darstellung Bollmans weit über eine bloße Biographie Goethes hinaus und wird zu einem intellektuellen Zeitgemälde seiner Weimarer Epoche. Was für ein Aufbruch! Vielleicht spürt man davon ein wenig, wenn man in Weimar sein Haus am Frauenplan besucht, dort auch in den Garten geht und dann Friedrich Schiller (1759-1805) einen Besuch abstattet.

Goethe hat im Bergwerk in Ilmenau die Tiefen der Erde geschaut, stand nicht nur auf dem Brocken auch auf den Gipfeln der Alpen, da war es nur zu verständlich, dass er auch einen Roman über das Weltall plante: Kapitel 16 vor dem Hintergrund, dass sich die Naturauffassung von der Religion und der Schaffung auf eine Schlag hin zur Konzeption einer dynamischen Entwicklung veränderte: vgl. S. 250 und „Die Welt kriegt mit mir nun ein neu ungeheuer Ansehn.“ (S. 270)

Der Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären erscheint 1790 in Gotha, die Abhandlung über den Zwischenkieferknochen wie seine Beträge zur Optik sind weitere Stationen seiner Forschungen.

1784 entsteht die erste Fassung vom Versuch aus der vergleichenden Knochenlehre daß der Zwischenknochen der obern Kinnlade des Menschen mit den übrigen Tieren gemein sei, die 1820 veröffentlicht wird.

Vom September 1786 bis Juni 1788 erfüllt sich Goethe eine schon lang gehegten Traum und reist nach Italien und wohnt in Rom in einer Wohngemeinschaft mit Malern und staunt selber über seine vielfältigen Naturbeobachtungen: Der Verfasser teilt die Geschichte seiner botanischen Studien mit (1831). Erst dreißig Jahre später werden seine Aufzeichnungen publiziert : Italienische Reise. Es geht ihm um die Urpflanze, aus der sich alle anderen Pflanzengestalten entwickelt haben könnten: vgl. S. 361). Mit diesen Passagen wird deutlich, aus Bollmanns Biographie auch eine Wissenschaftsgeschichte wird. Später wird Goethe das „allgemeine, einfache Prinzip“ betonen, auf dass die Metamorphose sich zurückverfolgen lasse. Daraus entsteht dann auch seine Kritik an Carl von Linné (1707-1778), dessen Auffassung das Verständnis der Pflanzen erschließe sich über ihr Sexualsystem Goethe nicht folgen möchte, er bevorzugt die Erklärung über Wachstumsgesetze: vgl. S. 373, vgl. auch Kapitel 23.

Die Farbe , das 24. Kapitel ist für Bollmann auch die Gelegenheit, jetzt das erste Mal in diesem Buch den Faust zu erwähnen. In Italien diktiert er in sein Reisetagebuch: Die Art der Behandlung der Farben muss noch näher untersucht werden.“ S. 414 Es folgen umfangreiche Prismenexperimente, dier in Weimar fortsetzt, mit denen er die Ergebnisse von Newton widerlegen will.

Zu Wissenschaftsgeschichte, die Bollmann darstellt, gehört auch die Gründung der Freitagsgesellschaft (Vgl. S. 433 ff.), die für Goethe eine „Verabschiedung der Genieästhetik“ und die Konzentration auf eine „Zielgruppenorientierung“ bedeutet: vgl. S. 435. Die direkte Begegnung soll, so Bollmann, die „zu starke Selbstbezogenheit“ (ib.) korrigieren.

1792 erscheint die Abhandlung Von den farbigen Schatten: Georg Christoph von Lichtenberg (1742-1799) lobt die ihm zugesandt Schrift und lässt elegant durchblicken, dass sie nichts taugt (vgl. S. 440-445, wieder ein spannender Baustein zum Wissenschaftsbetrieb jeder Zeit, den Bollman uns präsentiert. Die farbigen Schatten Goethes werden noch die Impressionisten beschäftigen: S. 445 ff.

Zu Goethes Bekanntschaften und Freunden gehörten auch die Humboldt-Brüder, mit denen er einen intensiven Austausch pflegte. Besonders Alexander von Humboldt (1769-1859) bestätigt seine Auffassung dass „wissenschaftliche Rationalität und Einfühlung in die Natur“ (S. 463) zugunsten der Erkenntnis zusammengehören. Es geht um den „Konstitutionsprozess“, (S. 466) der in den Gesprächen mit Humboldt (vgl. auch S. 498-512) eine so große Rolle spielt. Es folgen die Bemerkungen über die Entwicklung des „Kompensationsprinzips“ (S. 467), mit denen Bollmann hier auf anschauliche Weise erläutert, wie Goethe die Erkenntnisse aus seinen Naturbeobachtungen gerade auch im Dialog mit anderen Forschern entwickelt.

Der Versuch, die Elemente der Farbenlehre zu entdecken stammt von 1793, sein Werk zur Farbenlehre wird erst 1810 erscheinen, bemerkenswert wie hier wieder der Jurist Goethe zum Zuge kommt: S. 515.

Fast wie in einem Krimi kommt die Auflösung dieser Biographie fast am Schluss, hier mit dem 31. Kapitel „in dem ein Mensch gemacht wird“: „Noch länger als mit den Farben hat Goethe sich nur mit dem Faust beschäftigt,“ schreibt Stefan Bollmann, bevor er in diesem Kapitel die Unterschiede zwischen Faust I und Faust II erläutert. Magie und bloße Schriftgelehrtheit waren der Möglichkeiten „intuitiver Naturerkenntnis“ (S. 553, auch S. 559)  gewichen oder anders ausgedruckt die Studierstube Fausts weicht einem Laboratorium. Wider das Grundthema dieses Buches mit dem Zweifel daran, ob Natur- und Geisteswissenschaften wirklich so strikt zu trennen sind, wie wir das heute gewöhnt sind. Spätestens hier werden Bollmanns Leser merken, dass aufgrund seiner Darstellung, es sich lohnen wird, Faust I/II sogleich wiederzulesen.

Faust II, Erster Akt:

MEPHISTOPHELES:
Wo fehlt’s nicht irgendwo auf dieser Welt?
Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld.
Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;
Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen.
In Bergesadern, Mauergründen
Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden,
Und fragt ihr mich, wer es zutage schafft:
Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.

Das Buch von Stefan Bollmann lässt den Leser erfreut und nachdenklich zurück. Goethes Farbenlehre ist ihm natürlich bekannt, aber es ist vor allem der Weimarer und Jenaer Wissenschaftsbetrieb, dieses so weitreichende Netzwerk, in das alle Teilnehmer im Dialog miteinander die Erfahrungen ihrer Reisen einbrachten, das hier alle Aufmerksamkeit verdient. An vielen Stellen in Bollmanns Darstellung erscheinen immer wieder Hinweise ier besonders am Beispiel des Faust auf die so engen Bezüge zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften. So umfangreich dieses Buch ist, der Leser könnte sich sogar noch eine Erweiterung vorstellen, in der das dichterische und schriftstellerische Werk Goethes ausführlich auf die Verbindungen und Korrespondenzen mit Goethes Naturbeobachtungen geprüft wird. Aber nach der Lektüre kann das der Leser auch alleine machen, zu vielfältig sind diese Beziehungen, als dass er sie nach der Lektüre von Bollmanns Werk noch übersehen könnte.

Stefan Bollmann
> Der Atem der Welt
Johann Wolfgang Goethe und die Erfahrung der Natur
1. Aufl. 2021, 656 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Abbildungen, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-96416-5

Fotos: © Heiner Wittmann, 2017.