Lesebericht: Simone Alz, Depression entschlüsseln. Ursachen verstehen und Lösungen finden

Simone Alz, Depression entschlüsseln. Ursachen verstehen und Lösungen findenDer Titel und das Coverbild dieses Buches sind gut gewählt. Simone Alz stellt in ihrem Band  > Depression entschlüsseln hier die Ursachen vor, die zu einer Depression führen können. Erst wenn die Kombination unterschiedlicher Ursachen aufgedeckt ist, kann die Lösungssuche beginnen. Die vielen Schlüssel und das Schloss auf dem Cover deuten die Komplexität dieser Krankheit an.

> Nachgefragt: Simone Alz, Depression entschlüsseln. Ursachen verstehen und Lösungen finden
Besorgniserregend sind ihre Hinweise auf Gefährdungen, die grundsätzlich jeden treffen können. Hinzukommen noch die Umstände der Corona-Pandemie, die ein zusätzliches Gefährdungspotential bereithalten und damit auch diejenigen treffen können, die ohne die Pandemie einen Ausbruch dieser Krankheit möglicherweise nicht erlebt hätten.

Wie andere Autoren präsentiert Simone Alz auch ein Modell, um ihre Überlegungen zu veranschaulichen.  Sie wählte die Depressions-Pyramide (S. 13) ein Modell, mit dem sie sich auf die sozial-psychologischen Studien von Abraham Maslow bezieht. Alz unterstreicht vor allem die soziale Komponente, indem sie erklärt, „dass menschliche Bedürfnisse und deren Befriedigung oder Nichtbefriedigung auch die Grundlage für das Verstehen von Depressionen sind.“ (S. 13) Der Aufbau Ihres Buches folgt dieser Depressions-Pyramide und nimmt in seinen Hauptteilen die physischen und die psychischen Ursache in den Blick. Dann folgt ein Kapitel über die sozialen Ursachen (S. 135-172), in dem deutlich wird, dass tatsächlich jede/r eine Depression erleben, kann, wenn er in seinem sozialen Umfeld besonderem Stress ausgesetzt wird. Diese negativen sozialen Faktoren können ganz konkret am Beginn der physischen und dann psychischen Ursachen von Depressionen stehen. > Mobbing jeder Art gehört dazu, wie auch Missklänge in den Umgangsformen in den Unternehmen, wenn Mitarbeiter nicht informiert werden und sie z.B. Änderungen ihrer Aufgaben-oder Verantwortungsbereiche nebenbei durch den Neudruck von Orga-Plänen erfahren. Fehlende Achtsamkeit im sozialen Umgang und der nachlässige Umgang mit Mitarbeitern im Tagesablauf eines Unternehmens senkt die Resilienz der Betroffenen. Das gilt keineswegs nur für Partnerschaften. Die Bedeutung der „Spiegelneuronen“ (S. 136-138) zeigt sich in allen Formen sozialer Zurückweisung oder Missachtung: allein wenn der Chef am Freitag sagt, wir müssen nächste Woche mal ein ernstes Wort miteinander reden, und so dem Mitarbeiter das Wochenende verdirbt, und am Montag erklärt, er hätte erst am Freitag Zeit für ein Gespräch. Oder wenn nach und nach das Aufgabengebiet des Mitarbeiters ohne Angabe von Gründen gekürzt oder eingeschränkt wird, entstehen Missklänge im sozialen „Resonanzraum“.

Der Band von Simone Alz beschränkt sich auf das Wesentliche. Aber auch in ihrer knappen Form, legt sie mit großer Präzision die Finger auf offene Wunden: die hier angedeuteten Missklänge in Unternehmen interpretiert sie in kurzen Sätzen: „Ein Mensch, der bewusst lebt und sich selbst vertraut, wird andere Menschen nicht abfällig behandeln. Man gibt immer das weiter, was man in sich trägt.“ (S. 144) Solche Einsichten können helfen, die eigene Autonomie (vgl. S. 141) zu wahren, indem Betroffene den Ursprung von Verletzungen einschätzen und verstehen können: Kritik hat ihren Ursprung auch im Horizont desjenigen, der sie ausspricht.

Ein Kapitel über spirituelle Ursachen folgt wie auch ein Kapitel über Behandlungsmethoden und -therapien, das aber eher eine Liste möglicher Behandlungen enthält.

Das Kapitel über physische Ursachen enthält Ergebnisse aus der Hirnforschung und erläutert den „Schwellenwert zur Depression“ (S. 39 f.) Jeder, so Alz, könne bei entsprechenden Erlebnisse potentiell depressiv werden. Ist eine entsprechende Veranlagung vorhanden, ist das Risiko ungleich höher. Diese Zeilen erinnern an den Beginn dieses Leseberichts mit den Anmerkungen zum sozialen Umfeld in Unternehmen, die die Resilienz ihrer Mitarbeiter ignorieren. Die Bemerkungen über die diversen Transmitter sind absolut lesenswert (S. 45-55) präzise und einleuchtend, mit Anmerkungen zur Schilddrüse, zu Hormonen, > Darm und Nebennieren geht es weiter.

Welcher Anteil physischer Ursachen und welcher Anteil psychologischer Ursachen führen zu einer Depression? Das ist tatsächlich die Gretchenfrage. Im Kapitel der psychischen Ursachen geht es um Denkmuster, negative Gedanken, Traumata, Schicksalsschläge und negative Erlebnisse. Einige dieser Faktoren könnten vermeidbar sein, wenn in Unternehmen, in soziologischer Hinsicht mit Respekt und Achtsamkeit die Resilienz, hier die Abwehrkräfte der Mitarbeiter gestärkt und nicht (unnötigerweise) auf die Probe gestellt werden. Simone Alz gibt mit Recht den Stressfaktoren einen breiten Raum und grenzt ihn gegenüber dem Burnout (S. 125-132) ab: S. 114-134.

Dieses Buch ersetzt keinen Arzt, aber es erläutert geschickt und professionell das Bedingungsgefüge, das in jedem eine Depression auslösen kann. Und seine Ergebnisse sollten auch unbedingt in die Ausbildung nicht nur von Führungskräften einfließen, ja auch von Lehrern und allen, die andere anleiten oder für sie Verantwortung tragen. Tatsächlich ist der Wert „gegenseitiger Rücksichtnahme“ oft nicht erkennbar. Ein anderes Wort statt Achtsamkeit wäre Respekt, die Rechte, Wünsche wie auch Einstellungen der Anderen oder des Gegenübers ernstnehmen, lautet das Gebot, das sich aus diesem Buch ergibt, weil unterm Strich, viele Entscheidungen, Handlungen wie auch Beurteilungen anderen gegenüber zu derem Stressempfinden beitragen können und letztlich u.a. zu depressiven Zuständen betragen können.

Simone Alz
> Depression entschlüsseln
Ursachen verstehen und Lösungen finden
Stuttgart, Klett-Cotta
Klett-Cotta Fachbuch
1. Auflage 2022, 266 Seiten, Broschiert
ISBN: 978-3-608-98657-0